Das Zevener Syndrom
September 4th, 2011Bei der Handwerkerfreisprechung verabschieden wir uns von Dennis, der uns gemixt hat: „Tschüs, nächstes Mal sehen wir uns beim Stadtfest in Zeven!“ Dennis kommt aus der Gegend um Zeven und wenn wir geglaubt haben, er freut sich über unseren Auftritt in seiner Heimat, haben wir uns getäuscht.
„Ach du Schande, das tut mir leid!“
„Häh?“
„Habt Ihr noch nie vom ”Zevener Syndrom” gehört?“
„Nö!“
„Also das bedeutet, dass die Leute vor der Bühne stehen und keinerlei Regung zeigen. Nicht, dass ihr das jetzt falsch versteht, die amüsieren sich schon – auf ihre Weise – aber man merkt es Ihnen nicht an. Das bringt Musiker zur Verzweiflung!“

Der Tontechniker aus Zeven
Leicht besorgt traten wir gestern unsere Reise in das Gebiet im Dreieck Hamburg – Bremen – Bremerhaven an. Auf dem Weg dahin musste Tommy zunächst dienstlich werden. Ein uns entgegenkommender PKW wich einer selbstfahrenden Landmaschine, auch Traktor oder Tregger genannt aus und kachelte ungebremst in einen ca. zwei Meter tiefen aber ausgetrockneten Straßengraben. Der Tiefflug wurde dort jählings von einem im Graben stehenden Baum gebremst. Der Fahrer verletzte sich leicht. Tommy übernahm die Verkehrsregelung, die erste Hilfe, die Bergung und Absicherung des Fahrzeuges und alarmierte die Kavallerie. Nachdem ein kompletter Lösch- und technischer Zug der freiwilligen Feuerwehr aus Ostereistedt oder Rhadereistedt, der Rettungswagen, Notarzt, Polizei, Straßenverkehrs- und obere Wasserbehörde sowie der Bürgermeister von Kirchwistedt nebst Landrätin erschienen waren, wurde Tommy von den eingesetzten Kräften mit dem tief empfundenen Ausspruch der Anerkennung und unter dem tosenden Applaus der zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauer entlassen und wir konnten unsere Reise fortsetzen.

Die Kavallerie
In Zeven angekommen stellten wir fest, dass der 986 erstmals erwähnte Ort das norddeutsche Zentrum des Line-Dances beherbergt. Zeven ist sozusagen das Laramie des Nordens. Auf der Tanzfläche vor der Bühne übten sich Legionen von Linedancern in purer Lebensfreude. Normalerweise löst Line-Dance bei mir Juckreiz aus, aber die Leute in Zeven verstehen was davon und das sah richtig gut aus. Also da war schon mal nix mit „Zevener Syndrom“. Wobei unsere Musik nicht unbedingt zum Line-Dance taugt.

Line Dance
Auf der Bühne stand demangepasst auch eine lupenreine Band, die beides konnte: Country und Western: „Slow Horses“. Ich persönlich mag Countrymusik. Die Eagles haben mich in die Richtung gebracht. Willie Nelson, Carrie Underwood, Dolly Parton, ich habe eine Best of CD von Tammy Wynette und alle Scheiben von den Dixie Chicks, die ich verehre. Ich würde für mein Leben gerne Pedal-Steel-Guitar lernen. Die besten Musiker der Welt arbeiten in Nashville und wenn eine Band Country-Mucke macht, muss sie ihre Instrumente virtuos beherrschen, brillant mehrstimmig singen können und sehr präzise spielen, denn der cleane und transparente Sound der Countrymusik verzeiht keine Schlampereien. Die anderen in unsere Band finden Countrymucke komplett scheiße. Vor der letzten Probe lief bei mir im Auto „Takin” on water“ von Willie Nelson. Das ist eigentlich lupenreine Rhythm and Blues Mucke, geile Bläsersätze, ein super Groove. „Willie Nelson, der geht gar nicht!“, war der Kommentar meiner Kollegen. Umso größer ist die Anerkennung zu werten, die alle „Slow Horses“ zollten. Eine tolle Band!
Bei Stadtfesten wirst Du als Band manchmal behandelt wie der letzte Dreck. Kein Parkplatz, am besten schon morgens aufbauen, keine Betreuung, kein Catering. Wie freut man sich dann, wenn man einen Parkausweis erhält. Hinter der Bühne steht ein Garderobenzelt. Dort wird wohlschmeckendes Essen angerichtet und die Stadtfest-Organisatoren um Lui sind ausgesucht höflich, freundlich und entgegenkommend.

Lui vom tollen Orgateam - rechts
Um 20:30 Uhr spielen „Slow Horses“ die letzte Note ihrer Zugabe.
Der Soundcheck geht zügig über die Bühne und um 21:30 beginnen wir mit dem ersten Set. Auf dem Platz vor der Bühne ist eine Menge los und – Hey! - unmittelbar vor der Bühne wird Party gemacht. Wenn es das „Zevener Syndrom“ gibt, dann ist es zumindest partiell überwunden. Im zweiten Set breitet sich die Welle aus und im dritten Set hat man von der Bühne aus den Eindruck, Zeven tanzt. Der vierte Set beginnt um ein Uhr nachts. So geht Stadtfest also auch, ohne gerichtliche Verfügungen von Arschlochanwohnern. Um zwei Uhr spielen wir den fünfzigsten Titel an diesem Abend: „Bohemian Rhapsody“! Zeven feiert sich, und zwar zu Recht. Was für eine tolle Stadt! Die Zevener wollen eine Zugabe! „Angels“ hatten wir uns vorgenommen. Tommy geht ans Mikro: „Okay Zeven, ihr bekommt Eure Zugabe. Wir machen eine kurze Pause und dann spielen wir noch EINE STUNDE!“
WATT?
„Das war doch jetzt ”n Witz?“ fragt Dave.
Nee, war es nicht. Eine Verlängerung bei einem Stadtfest haben wir bislang noch nicht erlebt. Die Zevener übrigens auch nicht. Wir spielen unsere Filmserie – Dirty Dancing, Grease, Blues Bros, Rocky Hörrohr Picture Show, Brigdet Jones – dann finden wir Schlager toll. Meinen ersten Aussetzer habe ich bei der „Perfekten Welle“. Dei dem darauffolgenden „Tausendmal berührt“, macht es bei mir Zoom. Ich weiß nicht mehr welchen Titel wir spielen, geschweige denn, was mein Beitrag zu diesem Song sein sollte. Ich beginne zu halluzinieren und mache eine außerkörperliche Erfahrung: ich sehe mich tatsächlich selbst vor der Bühne tanzen. Die Lippen meines Alter-Egos formen Satzfetzen, die an mein Ohr dringen:
„DU……grszwnss HAST szszstzb DEINE bsbsbswrw LEISTUNGSGRENZE zszszsbsbsbsb ÜBERSCHRITTEN!!!!“
Sechs Stunden auf der Bühne, sechzig Titel und ein Verkehrsunfall reichen um mich auszuknocken. Ich werde alt!
Festzustellen wäre noch, dass es sich bei dem “Zevener Syndrom” um einen unwahren urbanen Mythos handelt. Zeven rockt!






















